Sangoma nennt man einen im südlichen Afrika beheimateten Heiler. Die Aufgabe des Sangomas ist es, sich um das Seelenheil seiner Gemeinschaft zu kümmern. Meist in ärmlichsten Verhältnissen beheimatet, den sogenannten Townships, ist er Ansprechpartner in Krisen, Vertrauter und Heiler zugleich.
Diesen Januar habe ich mich gemeinsam mit acht Kollegen auf die Spuren der Sangomas begeben. Wir wollten entdecken: Welches Heilwissen haben die Sangomas? Wie leben sie, wie arbeiten sie, was motiviert sie?
Das Township Khayelitsha ist eine riesige Aneinanderreihung von Wellblechhütten. Auf kleinstem Raum leben hier Familien jeglicher Größe unter fast schon menschunwürdigen Bedingungen. Strom, fließend Wasser? Fehlanzeige. Auf zehn Familien kommt jeweils ein Dixie-Klo, zu dem sie sich den Schlüssel teilen.
In diesem Township lebt und arbeitet der Sangoma Chris, der wohl aufgrund seiner Hautfarbe zu den ungewöhnlichsten Sangomas überhaupt zählen dürfte: Er ist weiß, großgewachsen, im früheren Leben: Sohn reicher Eltern, Model, Drogenkonsument, Abgestürzter, dann Geläuterter, jetzt: Heiler.
Chris dürfte so ziemlich jede Krise mitgemacht haben, die man nur mitmachen kann. Bis er eines Tages merkte, dass sein Leben in einer Sackgasse zu enden droht. Er lernte die Stammessprache der Südafrikaner und begab sich in ein knallhartes, dreiähriges Training zum traditionellen Heiler. Schlafentzug, nächtelanges Trancetanzen, Qualen körperlicher sowie seelischer Art … der Weg zum Sangoma ist kein Zuckerschlecken, schließlich gilt es, sich all den eigenen Dämonen zu stellen.
Chris gab nicht auf, er arbeitete eigene Themen auf und wurde zum Sangoma. Natürlich dauerte es ein wenig, bis er von den Bewohnern der Township akkzeptiert wurde. Doch wenn man mit Chris heute durch Khayelitsha fährt, merkt man schnell, dass er seinen eigenen “Fankreis” gefunden hat. Von überall her winken die Leute, rufen ihm in ihrer Stammessprache Begrüßungen zu. Chris lächelt und hat für jeden eine aufmunternde Antwort parat.
Wir haben uns von Chris zeigen lassen, wie Heilung auf die Sangoma-Art geschieht. Jedes Dorf und jedes Township hat ihren eigenen “Medizinmann“, der meist aus heimisch wachsenden Wurzeln, Kraut und Tierteilen eigene Medizin herstellt. Dort führt auch der Sangoma sein Heilungsritual durch: Patient und Sangoma sitzen sich gegenüber, dazwischen: Eine Kerze. Der Sangoma beginnt dann damit, von “höherer Stelle” Informationen über den Patienten abzufragen, die er anschließend ausspricht. Gemeinsam gehen beide in eine Trance, und der Sangoma beginnt mit seinem energetischen Heilungsprozess. Der Klient spricht aus, was ihm in den Sinn kommt: Schlechte, negative Gedanken und Energien können sich in der Kerzenflamme dematerialisieren.
Wir haben uns ein solches Heilungsritual zeigen lassen. Und haben anschließend Chris und dem Dortmedizinmann gezeigt, wie Heilung bei uns passiert: Eine Blitzhypnose direkt vor der Medizinmannhütte hat sämtliche Beobachter in Erstaunen versetzt und Chris einen undefinierbaren, dennoch schwer beeindruckenden Schrei entlockt.
Ich finde es immer wieder spannend, wie Heilrituale funktionieren können. Der Sangoma ist fest in die Kultur Südafrikas verwurzelt und leistet wertvolle Dienste. Für uns doch eher wissenschaftsorientierten Europäer ist es natürlich eine Schau zu sehen, wie hier Psychologie, Therapie, Hellseherei (Cold Reading) und Menschenkenntnis vermischt werden, um kranken Menschen auf ihrem Weg zur Gesundheit zu helfen.
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